Würde und Selbstbestimmung

Das ist kein ganz einfaches Thema!

Beginnen wir mit dem Satz aus der Präambel unseres Grundgesetzes:

„Die Würde  des Menschen ist unteilbar!“

Was heisst hier unteilbar? Wir sind doch wohl zusammengesetzte Lebewesen (durchschnittlich weit mehr als 100 Milliarden Zellen pro menschliches Individum). Zwar besitzen wir ein Ich-Bewusstsein als Menschen und verstehen uns auf dieser Ebene als Einheit(en), aber sind wir nicht doch eigentlich Lebensgemeinschaften? Und spiegelt sich diese Tatsache nicht auch in unserem sozialen Miteinander auf einer größeren Ebene wider? Und selbst wenn wir uns als Individuen erleben, als örtlich und räumlich kohärent, als von Haut umschlossene Körper, so sind wir doch offenbar nicht etwa immer innerlich einheitlich in unserer Weltwahrnehmung, Weltinterpretation und Willenskundgebung. Da kann es intern zu erheblichen Widersprüchen kommen. Und trotzdem sehen wir uns stets als ganze Wesen. Wie kann man diesen Widerspruch auflösen? Was meinten die Leute, die den zitierten Satz in das GG schrieben,  mit „unteilbar“? Jedenfalls war ihnen diese Aussage/Forderung so wichtig, dass sie daran alle anderen Aussagen über unsere Gesellschaft einschliesslich der gesamten staatlichen Gesetzgebung gebunden sehen wollten.

Um sich Bedeutungen von Aussagen zu erschliessen, ist oft erhellend, auf die ursprünglichen oder assoziativ naheliegenden Wortaspekte zu hören. In diesem Fall gilt unsere Aufmerksamkeit dem Wörtchen „Würde“. Bezüglich seiner Wortherkunft hat „Würde“ mit „Wert“ zu tun. Dann könnte man die Aussage also auch so formulieren:

Der Wert des Menschen kann nicht geteilt werden.

oder anders ausgedrückt: „der Wert des Menschen, jedes Menschen kann durch nichts verringert (oder erhöht) werden“. Er wird da offenbar als unveränderlich und als naturgegeben verstanden.

Aber woher kommt diese Einsicht? Wie kann man das verstehen?

Es gibt noch eine zweite Möglichkeit sich dem Bedeutungsinhalt von „Würde“ zu nähern, von einer ganz anderen Seite:  Wenn man das Wort „Würde“ ausspricht fällt sofort auf, dass es im Deutschen ein zweites Wort gibt, das sich nicht nur genau gleich anhört sondern auch genau gleich geschrieben wird, nur der erste Buchstabe ist statt groß klein geschrieben : „würde“ – eine konjunktivische Form von „werden“, eine Potentialform. Wenn wir versuchsweise unterstellen, dass diese Übereinstimmung in Laut- und Schriftform kein wilder Zufall ist, sondern einen Hinweis auf einen untergründigen Bedeutungszusammenhang der beiden Worte enthält, kommen wir vielleicht¸von da her der Antwort auf unsere Frage näher.

Formulieren wir nun mit dieser Vermutung im Kopf also  nochmals die Aussage  in der Präambel des GG mit anderen Worten :

„Das Potential des Menschen ist unteilbar!“

Diese Aussage ist erstmal auch nicht leichter verständlich. Wieso ist das menschliche Potential unteilbar und damit unveränderlich?  – Vielleicht sollte man sich daran erinnern, was die Menschen, die diesen Satz in das GG schrieben, erlebt hatten: den 2. Weltkrieg und den Holocaust mit seinen ganzen Schrecken. Viele hatten den Tod in mannigfachen Formen gesehen, hatten alle Ängste gespürt, die damit bei Ihnen selbst und bei ihren Mitmenschen verbunden waren und hatten sich doch (innen) wieder aufgerichtet weil ihnen bewusst wurde, dass ihre inneren und äußeren Möglichkeiten und das Potential des Lebens (an sich) eigentlich nicht voneinander zu trennen sind. Dieser Zusammenhang erscheint uns vielleicht als trivial, ist es aber keineswegs … Die meisten Menschen, sind sich dessen nämlich nicht in seiner vollen Tragweite bewusst, jedoch ist die Bewusstwerdung in äußerster Gefahr durchaus möglich, ja sogar naheliegend und muss nicht als „verrückt“, sondern kann als Erweiterung der Weltsicht verstanden werden. Im Grunde steckt darin so etwas wie eine Gotteserfahrung, wobei allerdings weit und breit kein alter Mann mit Rauschebart gemeint und zu sehen ist, sondern „nur“ erlernte Grenzen im Denken und Empfinden von der Heftigkeit der momentanen Erfahrung zerstört werden. Was dann zu Tage tritt, ist eine Erfahrung von Einheit auf einer tieferen Ebene.  Nochmals umformuliert heisst dann die Aussage:

Auf einer sehr tiefen Ebene (in uns) haben wir alle das gleiche Potential und/oder den gleichen Wert, (unabhängig davon, in welchem inneren und äußeren Zustand Geist, Seele und Körper sind) : wir können uns als ungeteiltes, ja unteilbares Selbst erfahren, an dem alle Menschen gleichen Anteil haben. 

Das ist eine Erfahrung, die Menschen zu allen Zeiten aus allen Kulturkreisen und Religionen als essentiell erlebt und beschrieben haben. Diese Bewusstwerdung wirklich zu vollziehen und daraus eine eigene Haltung dem Leben und den Mitmenschen gegenüber zu machen, ist aber offenbar kein einfacher Vorgang – sonst würden viel mehr Zeitgenossen mit sich und der Umwelt nachhaltig freundlicher und fairer umgehen. Allerdings ist so eine Bewusstwerdung auch nicht verrückt oder völlig abgehoben, denn man kann immer mal wieder sympathischen, klar denkenden und fest im Leben stehenden Mitmenschen begegnen, die tatsächlich so empfinden – und leben. Man muss nur hinschauen!

Es ist klar, dass der obige („fett“ erscheinende) Satz eine ziemlich weit gehende Interpretation des Satzes aus der Prämbel des GG’s darstellt, die nicht für Jedermann gleich zwingend nachvollziehbar sein wird. Wenn man indes die beiden Aussagen (die ursprüngliche und die abgeleitete)  direkt nebeneinander stellt, so atmen sie spürbar denselben Geist und weisen beide auf eine grenzüberschreitende, existenzielle menschliche Erfahrung hin …. insofern passen diese Gedanken über die Menschenwürde auch zu unserem Thema: Sterben und Tod.

Wenn also etwas an der eben erarbeiteten Interpretation „dran“ ist, so lässt sich anfügen:  aus dieser existentiellen Erfahrung heraus sollten wir (eigentlich) unser Zusammenleben organisieren. Das war der Auftrag der Väter und Mütter des deutschen Grundgesetzes – hinter dem spürbar die Erfahrung des WK II stand.

Die neuere psycho-physische Forschung hat ergeben, dass wir unsere Entscheidungen oft schon getroffen haben, bevor sie uns überhaupt bewußt werden.  Das ändert aber unseres Erachtens nichts daran, dass doch sehr viele Menschen  ihre Würde verletzt sehen, wenn sie von anderen Menschen zu Handlungen oder Aussagen gegen ihren Willen gezwungen werden. Wir denken, dass dieser allgemeine Konsens Sinn macht und wir meinen auch, dass die freie Willensentscheidung (soweit wir dazu überhaupt in der Lage sind) ein wesentlicher Teilaspekt unserer aller Würde ist – denn i.d.R. können wir die oben erwähnte Einheit unter der äußeren Vielfalt viel leichter wahrnehmen und umsetzen, wenn wir uns nicht gezwungen fühlen. Aus diesem Grunde und wegen der Unabhängigkeit unserer Würde von unserem geistigen, seelischen und körperlichen Zustand folgern wir, dass auch ein Mangel an Mitteilungsfähigkeit oder ein Mangel an medizinischer Einsicht in die Konsequenzen einer körperlichen Zustandsentwicklung im Grundsatz unsere freie Willensentscheidung und unser Selbstbestimmungsrecht unsere Heilungs- oder Sterbeprozesse betreffend auch gegenüber Ärzten oder Krankenkassen nicht außer Kraft setzen. Und deshalb hat auch der Gesetzgeber (nach langen Diskussionen der interessierten gesellschaftlichen Gruppen) mit den Möglichkeiten zur Selbstbestimmung durch Patientenverfügung  (dazu  ergänzend)  (Textbausteine) und andere Arten der Vorausbestimmung (Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung – Formulare) für den Fall vorgesorgt, dass der eigene Wille nicht mehr einfach und eindeutig mitgeteilt werden kann.

Das alles ist ein ziemlich – auch rechtlich – komplexes  Thema. Gar nicht so selten werden von Rechtskundigen diesbezüglich kostenlose Beratungstermine angeboten. Damit man wirklich mitreden kann und versteht, was Arzt, Notar oder Rechtsanwalt sagen, sollte man zumindest die Broschüre „Patientenverfügung“ (s. voriger Absatz)  gelesen und verstanden haben.

P.S. :

Hier ist vielleicht noch ein kleiner Hinweis als Anstoß zum „selbst weiterdenken und verifizieren“ anzufügen…?! Es gibt spirituell interessierte Menschen, die um den Wert von Demut und Hingabe wissen. Sie kommen manchmal in die Versuchung ihre Würde gleich mit „abzugeben“ – das erscheint uns aber auf Grund verschiedener Beobachtungen fragwürdig. Vielmehr scheint richtig zu sein, dass der Mensch – im Rahmen seiner (Lebenslagen-)Möglichkeiten  – liebevoll vor Gott und den Menschen das Bewusstsein seiner Würde – z.B. als gelebte Wahlfreiheit bis zum Schluss bewahrt(, ohne dabei „Würde“ mit „Stolz“ zu verwechseln. Deshalb kann sinnvoll sein, sich den Unterschied zwischen den aus den beiden Begriffen folgenden Haltungen klar zu machen)…..

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