Was ist und wozu dient Hospiz und hospizliches Denken?

Bei den meisten Menschen ist die Aufmerksamkeit so sehr auf die äußeren Wünsche und Ziele und die damit zusammenhängenden Nöte und Sorgen gerichtet, dass einige wesentliche, das Innere betreffende Fragen – kaum bewusst bearbeitet werden.

Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, ab dem sich nicht mehr verdrängen läßt, dass da einige Fragen vom Leben selbst an uns gestellt werden:

  • Was ist der Sinn des Lebens?
  • Woher kommen wir? Wohin gehen wir? –   (Ist das Leben wie eine Brücke? Wenn ja, zwischen welchen Ufern?)
  • Endet Bewusst-Sein mit dem Tod des Körpers?

Auch wenn niemand leicht sichere Antworten auf diese existenziellen Fragen finden wird, so sind sie weder wert- noch zwecklos. Wenn wir uns immer wieder auf sie einlassen – verwandeln sie langsam (durch eine aufmerksamere und beständigere Art der Beobachtung) unsere Sicht der Außen-Welt und – was noch wichtiger ist – unsere Selbstwahrnehmung.

Im Laufe der Zeit wird dann immer deutlicher, dass unser Vertrauen ins Leben und seine Kräfte von unserem lebensgeschichtlich und gesellschafts-geschichtlich bestimmten Bewusstsein abhängt. Je umfassender und klarer wir dies erkennen, desto weniger Angst haben wir vor dem Leben und auch vor dem Sterben – denn wir können dann mehr wahrnehmen, wie sich die Weltteile (große und kleine, innen und außen) stets gegenseitig tragen, auch wenn das nicht immer gleich offensichtlich ist. Im Laufe der Zeit entsteht daraus schließlich so etwas wie ein Ur-Vertrauen in die Kraft der „Ganzheit“, das sowohl beim Leben wie beim Sterben hilfreich ist und die Schmerzen und Ängste merklich lindert.

Es mag sein, dass diese Behauptung nicht für jedermann leicht nachvollziehbar ist, aber bei genauerem Hinsehen, ist viel Wahres dran – und zwar durchaus nachprüfbar : durch eigene Beobachtung und Erfahrung ….

Generell gilt: Bewusstwerdung bedarf stets nicht nur des ergebnis-offenen Beobachtens sondern auch des eigenen Entschlusses – wirklich angstfrei und genau hinzuschauen und die daraus gezogenen Schlüsse  in das eigene Leben einzubauen – also:  der übenden Umsetzung.

Kein auch nur halbwegs vernünftiger Mensch wird ohne genaue Planung den Bau eines neuen Hauses in Angriff nehmen – und noch weniger wird er einen guten, tragfähigen Plan einfach wieder fortwerfen. Aber wer denkt daran, dass eine klare, ausgeglichene Haltung, das Aushalten-können der seelischen und/oder körperlichen Schmerzen, die innere, schützende Stille entwickelt und die Verarbeitung der Angst vollzogen sein sollten, wenn der unausweichliche Tag des Abschied’s kommt? Das ist jedoch nicht ohne vorbereitendes Bemühen möglich. Es wird immer wieder berichtet, dass Menschen, die sich eine solche ausgeglichene innere Haltung erarbeitet haben und dann sterben, den Weg leichter gehen und die Lebenden getrösteter zurücklassen.

Auch aus anderem Grund muss dieser Tag vielleicht kein Grund zur unendlichen Traurigkeit sein. – Wer weiss, ob nicht etwas viel Schöneres auf uns wartet, wenn wir die Körper verlassen haben? Wenn wir uns aber nicht mit dieser Möglichkeit innerlich beschäftigt, ihr Potential nicht untersucht und spürend wahrgenommen haben, woher soll das Vertrauen kommen, das wir vielleicht brauchen, um an unser Ziel zu gelangen?

Alle großen Religionen sagen, dass unsere innere Haltung zusammen mit unserem festen Glauben Anteil an dem hat, was die Seelen nach dem Verlassen des Körpers wahrnehmen. Wenn auch niemand bislang einen naturwissenschaftlich hieb- und stichfesten Beweis für diese Aussage(n) geben konnte, so denken wir, dass es auch nicht schaden kann, sich einen solchen Ort in den schönsten Farben auszumalen und fest an seine – immaterielle – Existenz zu glauben.

Die praktische Lebenserfahrung vieler Menschen zeigt, dass Hoffnung, Glaube und Liebe ganz erstaunlich starke Kräfte sind, die aus den tiefsten Bereichen des Menschlichen erwachsen. So gibt es auch Hinweise darauf, dass diese drei Kräfte vielleicht auch über den Körpertod hinaus wirken.

Trotz alledem, ganz ohne krisenhafte Herausforderung ist dieser Schritt offenbar nur für sehr wenige Menschen.

Wir sind ein Volk, das grosse Teile seines Vermögens in Versicherungen anlegt. Aber gegen den Tod gibt es keine Versicherung, jedenfalls keine, die uns im „Versicherungsfall“ das eben beendete Leben von Neuem durchleben oder weiterleben ließe. Wir sollten uns also auf die Unausweichlichkeit des Sterbens einstellen, so wie uns nach der Zeugung die Geburt unvermeidbar war. Wir sollten uns vorbereiten und die Erfahrungen, die andere Menschen mit dem Thema gesammelt und mitgeteilt haben, nutzen.

Bei Durchsicht der vorhandenen publizierten Erfahrungen und Beobachtungen scheinen durchaus einige vorbereitende Maßnahmen sinnvoll, die zum grossen Teil darauf zielen : äusserlich die Hinterlassenschaften zu ordnen und innerlich vorbereitet zu sein, Gleichmut im Umgang mit dem Unvermeidbaren zu entwickeln, vielleicht Hoffnung, dass sich doch etwas Weiterführendes hinter diesem Vorhang befindet.

Diese Vorbereitung muss tatsächlich erarbeitet werden, indem man sich – in aller Ruhe – immer wieder und möglichst nicht erst kurz vor dem Ende des Lebens mit den oben genannten Grundfragen beschäftigt – bis sich die Angst gelöst hat und der Tod im Idealfall ebenso gelassen angeschaut werden kann wie das Leben. Das ist durchaus möglich, wenn auch nicht ganz einfach. Merkwürdigerweise folgen dann aber sehr positive Wirkungen auf beides, auf das Leben ebenso wie auf das Sterben.

Falls dazu keine Zeit mehr bleibt, kann immerhin die Anwesenheit und Hand eines vertrauenswürdigen, mitfühlenden, trotzdem innerlich ruhigen Helfers eine echte Unterstützung bedeuten.  Das wurde in vielen Kulturen seit langer Zeit erkannt und praktiziert und ist keineswegs Unfug, sondern fusst auf genauer Bebachtung vieler, vieler Sterbevorgänge.

Solange noch kein unmittelbarer Sterbeprozess begonnen hat, können uns die Vorbilder aufrichtiger und großmütig denkender Menschen, die diese Vorbereitung vorbildlich und so gut wie möglich vollzogen haben (z.B. Elisabeth Kübler-Ross, Cecily Saunders, aber auch viele andere) inspirieren. Auch sie haben die oben genannten Fragen immer wieder gestellt und nach Antworten sowohl in der Selbst- und Aussenweltbeobachtung wie auch in der (teilweise intuitiven) Interpretation ihrer Beobachtungen gesucht. Klar, dass dabei auf jede Frage und bei den verschiedenen Menschen verschiedene Antworten erschienen, allerdings waren sich viele so ähnlich, dass daraus ein Konzept entstand. Man kann die Grundlage dieses Konzeptes so ausdrücken:

Die Würde (auch) eines (sterbenden)  Menschen hängt weder vom Zustand seines Körper’s, noch von seinen seelischen Ausdrucksmöglichkeiten  oder seinen intellektuellen Fähigkeiten ab!

Obwohl unser deutsches Grundgesetz diese Aussage bereits 1945 in der Präambel thematisierte, ließ aus unserer heutigen Sicht die Umsetzung zuweilen zu wünschen übrig. Laut (kürzlichen) Umfragen möchten über 80% der Menschen zu Hause im Kreis ihrer Familie und an der Hand eines geliebten Menschen sterben. Jedoch war bis in dieses Jahrzehnt zu beobachten, dass fast 80% der sterbenden Menschen ihre letzten Tage in Kliniken verbrachten, oft unter intensivem Einsatz modernster Gerätemedizin und wenn deren Möglichkeiten erschöpft waren, oft in’s Klinikbadezimmer (ab)geschoben und dort zum Sterben allein gelassen wurden.

Das Schlimmste daran war nicht, dass funktionales Denken (das medizinische Können und die besseren Säuberungs- und Desinfektionsmöglichkeiten im Badezimmer) an erster Stelle stand, sondern dass mit dem Alleinlassen des/der Sterbenden die Angst des Personals vor dem Tod wesentlicher erschienen als die stille und liebevolle Begleitung bis zum letzten Atemzug des Mitmenschen.

Diese Beschreibung der damals durchaus nicht seltenen Zustände soll kein Vorwurf sein – gewiss taten alle Beteiligten ihr Bestes im Rahmen ihrer Möglichkeiten! Es war aber angesichts der Entwicklung des allgemeinen Bewusstseins offenbar an der Zeit eine neue Haltung im Umgang mit dem Sterben zu erarbeiten und wirksam werden zu lassen.

Hospiz und hospizliches Denken sind Ausdruck und Realisierung einer neuen Umgangsweise mit dem ganzen Themenbereich:  Indem die Würde des Sterbenden als primärer Wert gesehen wird, treten – sofern die Heilungsmöglichkeiten nach menschlichem Ermessen endgültig erschöpft sind – die lebensverlängernden Maßnahmen in den Hintergrund – zugunsten der Lebensqualität der Sterbenden.

Schmerzfreiheit, Stille und Rückschau, liebevolle Zuwendung der Pflegenden und letzte Ordnung der persönlichen Angelegenheiten sind dann die wesentlichen Aspekte, die die verbleibenden Tage und Nächte bestimmen.

Mit dieser Art die Dinge zu sehen haben inzwischen nach eigener Aussage viele Menschen sehr gute Erfahrungen gemacht.

Es gibt grundlegend zwei Arten von hospizlicher Unterstützung.

  • Die stationären Hospize sind wie Kliniken, die die Sterbenden aufnehmen, aber nicht mit dem Ziel der Heilung, sondern mit dem Ziel die Lebensqualität für die Patienten möglichst lange hoch zu halten und bis in die letzten Stunden konzentrierte und liebevolle Unterstützung beim Abschiednehmen zu gewährleisten.
  • Die ambulanten Hospizdienste versuchen, den Wunsch der Menschen nach Sterben in der gewohnten Umgebung im Kreise ihrer Lieben zu unterstützen. Ein wesentlicher Umstand, der regelmäßig zum Klinikaufenthalt während der Sterbephasen führte, war die Notwendigkeit der ständigen Begleitung. Mit anderen Worten: bei einem Sterbenden sollte ständig jemand zumindest in Rufnähe sein. Das ist für viele Angehörige nicht ohne weiteres machbar, obwohl schon oft 2 bis 3 mal einige Stunden  Entlastung pro Woche das Verbleiben des Sterbenden im eigenen Heim möglich machen würden. Ambulante Hospizhelfer bieten – nach einer Ausbildungsphase – solcherlei Entlastungen an. Sie sollen sich eine eigene ausgeglichene Haltung zum Tod erarbeitet haben, sie sollen schweigen können, aber auch das Gespräch nicht scheuen und – wo nötig und angebracht – trösten und nicht zuletzt einfache praktische Hilfeleistungen anbieten: Ämtergänge, Einkäufe, kurze Sitzwachen usw. .

Ambulante Hospizdienste sind keine Pflegedienste und sie übernehmen deshalb auch keine Pflegeaufgaben. Sie wollen auch sonst niemandem eine Aufgabe oder Verdienstmöglichkeit wegnehmen, weder den Kliniken, Ärzten und Seelsorgern noch den Pflege- und Sozialdiensten.

Sie wollen eine Lücke füllen, mit Gelassenheit und genügend Zeit die Lebensqualität der Sterbenden und ihrer Angehörigen besonders betonen. – Das ist schon das ganze Programm!

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